Petitionstext

Situation

Was ist passiert?
Jahr für Jahr erreicht nach Ablegung des Ersten Staatsexamens ein Teil der Lehramtsstudierenden die schockierende Nachricht: Ihre geschriebenen Klausuren sind nicht mehr auffindbar!
Auch der Prüfungsjahrgang Frühjahr 2020 war davon in verschiedenen Fächern betroffen.
Das Kultusministerium informiert in einem kurzen Brief zwar mit „außerordentlichem Bedauern” über das Verschwinden der Prüfungen, aber verlangt gleichzeitig innerhalb weniger Tage eine Entscheidung für eine der zwei Optionen: erneute Ablegung der Prüfung oder das Akzeptieren der Note „ungenügend”.

Folgen für die Prüflinge
Bei beiden Optionen ist der vollwertige Antritt des Vorbereitungsdienstes als Beamter/Beamtin auf Widerruf nicht möglich. Prüflinge, die keinerlei Schuld an dieser skandalösen Misere trifft, haben gravierende Nachteile, die nicht mehr ausgeglichen werden können.


Forderungen

  1. Digitalisierung und Sicherung der Prüfungsarbeiten vor dem Versand
  2. Absolut transparentes Prüfungs- und Korrekturverfahren: Sendungsverfolgung und vollständige, lückenlose Dokumentation der einzelnen Korrekturphasen
  3. Verbesserung der Kommunikation – Informationspflicht gegenüber den Prüflingen schneller und transparenter gestalten
  4. Keine Benachteiligung der Prüflinge bei Fehlern anderer – bei tatsächlichem Verlust: Eintragung der Durchschnittsnote anstatt erneutem Ablegen

Begründung

Keine Einzelfälle
Der Verlust von Examensaufgaben geschieht seit Jahren – immer und immer wieder. Konsequenzen und Verbesserungen werden durch die Verursacher offensichtlich nicht eingeleitet. Ausbaden müssen die Fehler des Kultusministeriums die Studierenden, indem sie die einzige Möglichkeit wählen, die die geringsten Nachteile mit sich bringt: die Prüfung(en) erneut schreiben. In diesem Jahr sind mindestens 17 Studierende betroffen, 2018 war der letzte größere Fall mit mindestens acht Personen in Passau aber auch in den Jahren zuvor gibt es Betroffene.1 Viele Studierende trauen sich allerdings nicht in die Öffentlichkeit und geben lieber klein bei, da sie Angst vor eventuellen Nachteilen bei ihrem künftigen Arbeitgeber haben.

Keine Verbesserungen trotz jahrelanger Pannenserie
Das Kultusministerium hat es unterlassen, trotz immer wieder gleicher fehlerhafter Abläufe (Verschwinden von Prüfungsklausuren) ein effektives Konzept zur Vermeidung dieser Fehler zu erarbeiten. Damit wird die „Beweislast“ unzulässigerweise umgekehrt und weiteren Generationen von Prüflingen aufgebürdet. Es dürfte zudem klar sein, dass das Vertrauen in das Ministerium stetig schwindet.

Alternativlosigkeit und Zwangssituation
Das Kultusministerium bemerkt den Verlust erst nach einigen Monaten und informiert die Prüflinge in einem kurzen Brief. Innerhalb weniger Tage wird eine Entscheidung für eine der zwei Optionen verlangt: erneute Ablegung der Prüfung oder das Akzeptieren der Note „ungenügend”. Prüflinge, deren Examen in Erziehungswissenschaften verloren geht, haben sogar nur die einzige Option des Wiederholens. Die Betroffenen können die Auswahlmöglichkeiten aber ohne weitere Erläuterungen nicht und nur unzureichend bewerten, da weder bekannt ist, was man unter einem „Referendariat im Rahmen einer Hospitation“ verstehen kann, noch, weil zum Teil die übrigen Noten ausstehend sind. Eine Rechtsbelehrung sucht man ebenfalls vergebens.
Die meisten Studierenden sind auf das Gehalt des Vorbereitungsdienstes angewiesen, daher besteht der indirekte Zwang, die Prüfung als Voraussetzung für den Vorbereitungsdienst erneut abzulegen und die miteinhergehenden Nachteile zu akzeptieren.

Benachteiligung der Prüflinge
Aufgrund der „Corona-Situation“ können die Prüflinge des Fächerexamens als Ausnahme in diesem Jahr immerhin auch ohne vollständige Ergebnisse als Angestellte vorläufig in den Vorbereitungsdienst starten. Während dieser an sich schon fordernden und intensiven Zeit müssen sie aber zusätzlich noch die Vorbereitung und die Ablegung der erneuten Prüfung bewerkstelligen.2 Erst wenn diese Ergebnisse dann vorliegen, werden die angehenden Lehrkräfte im Falle des Bestehens zu Beamten auf Widerruf ernannt. Andernfalls wird den Angestellten gekündigt und sie sind bis zum nächsten Jahr arbeitslos und somit ohne Verdienst. Nach dem Urteil des VGH München von 2015 dürfen die betroffenen Prüflinge allerdings nur einen „geringstmöglichen Nachteil” erleiden.3 Der Grundsatz der Chancengleichheit ist damit in unseren Augen nicht gewahrt.

Alternativen, die keine Alternativen sind
Die angebotene Möglichkeit „ungenügend” würdigt in keinerlei Weise die Leistung und Anstrengung der Prüflinge und verschlechtert die Prüfungsleistung in inakzeptabler Form. In manchen Fällen führt diese Option sogar zum Nichtbestehen der drei Prüfungen im gesamten Fach. Gerade für eine Verbeamtung werden aber gute Noten benötigt.
Hätte das Kultusministerium ernsthaftes Interesse an der Behebung und am Ausgleich dieser unverschuldeten Misere, würde es eine Einzelfallbetrachtung vornehmen und nicht standardisierte Optionen zur Auswahl stellen, die die Benachteiligung zum Teil noch vergrößern.

Intransparenz
Prüflinge, deren Prüfungen nicht mehr auffindbar sind, wollen wissen, wie es zu dieser Misere kam und was sie nun für Möglichkeiten haben. Leider berichten Studierende von langwierigen Telefonaten, in denen sie ohne echte Lösungsansätze abgespeist werden. Trotz mehrmaliger Nachfragen werden wichtige Informationen (z.B. Sendungsverlauf, Datum der Sendung, Zeitpunkt des Bemerkens des Verschwindens) aufgrund z.B. des Totschlagargumentes „Datenschutz” vorenthalten. Eine vollumfängliche Aufklärung der Umstände bleibt aus und hinterlässt ein Gefühl der Geheimniskrämerei.


Abschluss

Seit Jahren wird in unprofessioneller und skandalöser Weise durch Examensverluste jungen Menschen die Zukunft verbaut. Das Kultusministerium wird seiner Vorbildfunktion nicht gerecht, da es nichts Effektives dafür tut, diesen Fehler im System und die entstehenden Ungerechtigkeiten zu beheben. Wir fordern Taten statt Worte, denn jahrelanges „außerordentliches Bedauern“ hilft niemandem!

Daher: Examensverluste stoppen! Jetzt!

Initiator: Florian Schwing im Namen einiger betroffener Studierenden

Quellen:

1 Bericht der PNP vom 24.06.2018, Bericht von Hans-Peter Etter im Juli 2020
2 Sonderregelung des Kultusministeriums Bayern
3 Beschluss des VGH München vom 09.11.2015